Das Wahnbachtal vor dem Bau der Talsperre

Die historische Karte von Tranchot und v. Müffling aus den Jahren 1816/20 zeigt den in vielen engen Kurven zwischen den beiden Talseiten pendelnden Wahnbach mit nur einem einzigen Anwesen im Gebiet des heutigen Stausees, der Lüttersmühle.

Rückansicht der Lüttersmühle; die Wasserräder liegen so tief, dass sie nicht einsehbar sind

Noch in den 1920er Jahren hat der damalige Bürgermeister Schmitz-Mancy aus Neunkirchen in der Zeitschrift „Die Heimat“ des zu dieser Zeit bestehenden Handwerkervereins Neunkirchen-Seelscheid Folgendes geschrieben:

„Am unzulänglichsten war bisher das Wahnbachtal, zwischen dem Agger- und dem Bröltal gelegen, welches fast ohne Weg und Steg nur dem Jäger und Fischer ein bekanntes, von der weiteren Menge noch unberührtes Naturparadies war“.

Mühlen und Höfe

Zum Zeitpunkt der Planung und Errichtung der Wahnbachtalsperre haben sich im heutigen Stauraum die Lüttersmühle und das benachbarte Gasthaus „Wahntaler Schweiz“ sowie die beiden landwirtschaftlichen Anwesen Hillenbach und Petershof befunden.

Hof Hillenbach

Petershof

Am Einlauf des Wahnbaches in die heutige Vorsperre der Wahnbachtalsperre stand die Gaststätte Herkenrather Mühle, deren Name von der etwa 100 m oberhalb gelegenen Mühle mit einem landwirtschaftlichen Gehöft stammt.

Herkenrather Mühle

In den beiden Mühlen und den zwei landwirtschaftlichen Anwesen im Wahnbachtal lebten seinerzeit insgesamt rund 20 Personen.

Die von der Bevölkerung immer wieder geäußerten Wünsche nach einer Verbindung von Much mit der Kreisstadt Siegburg erfüllten sich mit dem vom Kreistag des Siegkreises am 17. September 1924 gefassten Beschluss zum Bau einer Straße durch das Wahnbachtal im Rahmen einer weitgehend vom preußischen Staat finanzierten Notstands- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Über den Bau der Wahnbachtalstraße in den Jahren 1925 bis 1927 und die daran geknüpften Hoffnungen zur Belebung des Ausflugs- und Fremdenverkehrs im Wahnbachtal berichtet der Heimat- und Geschichtsverein Neunkirchen-Seelscheid e.V. in einer von Heimatforscher Paul Schmidt verfassten Broschüre.

Die heute überstaute Bogenbrücke über das Derenbachtal

Eine der vielen Brücken über den Wahnbach in der typischen Bauweise mit Verkleidung aus Naturstein (Grauwacke, Tonschiefer)

Weitere Berichte über das Wahnbachtal vor dem Bau der Talsperre und die Versorgungsanlagen des Wahnbachtalsperrenverbandes enthalten die folgenden Veröffentlichungen:

Schmidt, Paul, Heimatforscher aus Neunkirchen-Seelscheid: Das Wahnbachtal

Wahnbachtalsperrenverband Siegburg (Herausgeber), Redaktion und Bearbeitung: Eckschlag, Norbert und Such, Wolfram: Wasser - 50 Jahre Wahnbachtalsperrenverband 1953 bis 2003 - Eine Chronik, erschienen bei Edition Blattwelt, Niederhofen 2003

Rhein-Sieg-Kreis (Herausgeber): Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 2001, erschienen im Rheinlandia Verlag, Klaus Waltenscheid, Siegburg, 2000, ISBN 3-935005-08-3

Such, Wolfram: Im Flug über die Wasserversorgungsanlagen des WTV (Wahnbachtalsperrenverbandes), Seite 182 bis 185 

Rhein-Sieg-Kreis (Herausgeber): Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 2002, erschienen in Rheinlandia Verlag, Klaus Walterscheid, Siegburg, 2001, ISBN 3-935005-19-9

Such, Wolfram: In dem Tal der Bäche - vom Wahnbachtal und von den Entwicklungen im Wahnbachtal in der Vergangenheit und Gegenwart hier zu berichten, Seite 166 bis 185

Rhein-Sieg-Kreis (Herausgeber): Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 2004, erschienen im Rheinlandia Verlag, Klaus Walterscheid, Siegburg, 2003, ISBN 3-935005-70-9

Such, Wolfram, Dörte Staudt, Jan de Vries, Erika Potratz: Das Wahnbachtal vor dem Bau der Talsperre, Seite 18 bis 31

Die kurz vor Kriegsende zerstörte Beton-Bogenbrücke über den Ummigsbach, unterhalb der Wahnbachtalsperre

Vorgeschichte zum Bau der Wahnbachtalsperre

Die Vorbereitungen zur Bildung des Wahnbachtalsperrenverbandes begannen im Jahr 1949. Das damalige tiefbautechnische Dezernat des Regierungspräsidenten in Köln unter Leitung von Oberregierungs- und Baurat Hans Kiel erteilte dem Wasserwirtschaftsamt Bonn den Auftrag zur Erarbeitung eines Entwurfes über die Gründung des Verbandes. Der Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen stellte die hierzu erforderlichen Vorarbeitskosten zur Verfügung. Der im Wasserwirtschaftsamt Bonn mit dem Vorstand, Regierungsbaurat Nußbaum, von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Regierungsbaurat a.D. Siegfried Schilder aufgestellte „Entwurf zur Bildung des Wahnbachtalsperrenverbandes“ wurde am 30. November 1950 vorgelegt.

Der Entwurf umfasste den Bau einer Talsperre im Wahnbachtal, etwa 1 km oberhalb von Seligenthal, mit einem Stauziel auf 124,00 m + NN bei einer Kronenhöhe von rund 55 m über der Talsohle und einem Stauinhalt von 43,18 Mio. m³.

Der Entwurf zur Bildung des Wahnbachtalsperrenverbandes

Die Zweckbestimmung der Talsperre sollte sein:

- die Versorgung der Region Bonn-Siegburg-Siegkreis-Landkreis Bonn mit Trinkwasser und des in Siegburg ansässigen Industrieunternehmens, der Chemie-Faser AG, mit Brauchwasser,
- die Abgabe von Zuschusswasser bei Niedrigwasserführung der Sieg,
- der Hochwasserschutz im unteren Wahnbachtal und
- die Erzeugung von Wasserkraft.

Aus dem im Entwurf zugrunde gelegten Stauinhalt und dem aus den seinerzeit verfügbaren Zuflussdaten ermittelten, durchschnittlichen Jahreszufluss von rund 40 Mio. m³ ergab sich für die Talsperre der so genannte Ausbaugrad, ein für die aus einer Talsperre bereitzustellende Wassermenge wichtiger Vergleichswert, von 1,08. Der gewählte Ausbaugrad bedeutet, dass im Stausee ein um 8% größeres Volumen gespeichert werden kann als der im Durchschnitt der Jahre zu erwartende Zufluss. Dieser Wert hat sich nach den seither weitergeführten Messungen der tatsächlichen Zuflüsse und trotz eines mit tatsächlich 41,3 Mio. m³ geringeren endgültigen Stauvolumens nur geringfügig auf 6,8% verringert. Die im damaligen Entwurf getroffenen Annahmen gelten nach wie vor.

Vom Siegkreis war bereits im Jahr 1922, vor dem Bau der Straße durch das Wahnbachtal, ein Vorentwurf zur Errichtung einer Talsperre in der Nähe des nunmehr gewählten Standortes mit einer Stauhöhe auf 94,00 + NN und einem Stauinhalt von 5,1 Mio. m³ in Auftrag gegeben worden. Die Talsperre sollte allein zur Gewinnung von Wasserkraft an einem in der Sieg bei Allner zu errichtenden Stauwehr und unter gleichzeitiger Zuleitung von Wasser aus der Bröl über einen Stollen dienen. Dieses Projekt wurde aber aus wirtschaftlichen Gründen verworfen.

Der nunmehr erarbeitete Entwurf knüpfte an einen Vorschlag des Wasserwirtschaftsamtes Bonn aufgrund einer im Jahr 1943 durchgeführten Untersuchung über die Talsperrenmöglichkeiten in den Einzugsgebieten der Agger, Sieg und Dhünn im Regierungsbezirk Köln an.

Nach dem Entwurf des Wasserwirtschaftsamtes Bonn war als Sperrbauwerk für die Talsperre ein geschütteter Damm aus im künftigen Stauraum gebrochenem Grauwacke- und Tonschiefer-Gestein für den Stützkörper und mit einer auf dem gewachsenen Fels gegründeten Kernmauer aus Beton vorgesehen. Die Kernmauer sollte von zwei in ihrem Gründungsbereich  aufzufahrenden Kontrollgängen überwacht werden. Die eigentliche Dichtung sollte ein plastischer Bitumenverguss nahe der Wasserseite übernehmen. Die voraussichtlichen Kosten für den Erwerb von rund 275 ha Acker-, Wiesen- und Waldfläche sowie den Ankauf von drei landwirtschaftlichen Anwesen im künftigen Stauraum, ein abzulösendes Mühlenrecht und die Sicherung von Verlegerechten für Rohrleitungen wurden mit knapp 1 Mio. DM angegeben. Die Kosten für die Errichtung des Absperrbauwerkes mit den notwendigen Umlegungs-, Fels-, Erd- und Betonarbeiten, die Wasserentnahme- und Hochwasserentlastungsanlagen, den Bau von zwei Vorbecken im Wahnbach und von insgesamt sieben Nebenbecken an den unmittelbar in den Stausee mündenden Zuläufen wurden einschließlich Bauzinsen mit insgesamt 2,45 Mio. DM ermittelt.

Neben dem Bau der Wahnbachtalsperre sind nach dem Entwurf für die Versorgung mit Trink- und Brauchwasser sowie die übrigen Aufgaben notwendig:

- Die Errichtung eines Maschinenhauses unterhalb vom Absperrbauwerk der Talsperre mit den Pumpen zur Förderung des dem Stausee für die Trinkwasserversorgung zu entnehmenden Rohwassers und zur Aufstellung einer Turbine für die Nutzung der Energie des in den Unterlauf vom Wahnbach abgegebenen Wassers.
- Die Errichtung einer Trinkwasseraufbereitungsanlage mit einer Kapazität von zunächst 1.000 m³/h und deren Erweiterung auf 2.000 m³/h sowie eines Trinkwasserspeicherbehälters mit einem Gesamtinhalt von 10.000 m³.

Als Standort für die Aufbereitungsanlage wurde die etwa 1.400 m nordwestlich vom Absperrbauwerk der Talsperre gelegene Höhe Siegelsknippen auf rund 174 m + NN gewählt, weil von dort aus die Hauptliefermenge an Trinkwasser für Bonn und die auf dem Weg nach dort gelegenen Gemeinden im damaligen Siegkreis ohne nochmalige Hebung direkt aus der Transportleitung abgegeben werden kann.

 


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