
Zum Bauleiter für den Bau der Wahnbachtalsperre wurde der Geschäftsführer des Verbandes, Regierungsbaurat a.D. Siegfried Schilder, und als staatlicher Bauaufsichtsbeamter der Vorstand des Wasserwirtschaftsamtes Bonn, Oberregierungsbaurat Nußbaum, bestellt. Für die örtliche Bauüberwachung seitens des Verbandes wurde Dipl.-Ing. Gerhard Pendzich eingesetzt.
Im Jahr 1954 wurden die neue Zufahrtsstraße zur Umgehung der noch in den letzten Kriegstagen gesprengten Brücke im Zuge der Wahnbachtalstraße über den Ummigsbach und der zur Entwässerung der Baugrube als unterirdischer Stollen von der Gründungssohle des Staudammes bis zum Austritt in den unteren Wahnbach über eine Länge von rund 700 m vorgetriebene Vorflutkanal ausgeführt.
Ausschreibung des Sperrenbauwerks
Bis August 1954 waren der technische Entwurf und die Ausschreibungsunterlagen für das Sperrenbauwerk fertiggestellt. Die Ausschreibung für das Sperrenbauwerk sah als Änderung gegenüber dem der Verbandsgründung zugrunde liegenden Entwurf eine Innendichtung, bestehend aus einem nach dem Rüttelverfahren verdichteten Ton/Steingerüst-Körper unter Verwendung von in Nähe der Baustelle vorhandenen Materialien, vor. Zur Eröffnung der auf die Ausschreibung eingereichten Angebote am 2. November 1954 wurde u.a. als Sondervorschlag einer Bietergemeinschaft die Ausführung des Sperrenbauwerkes als Dammschüttung aus Grauwackegestein mit einer Außenhautdichtung aus Asphaltbeton mit geringeren Kosten im Vergleich zur ausgeschriebenen Lösung vorgelegt. Diese Ausführungsart für die Dammdichtung wurde erstmalig beim Bau der Genkeltalsperre des Aggerverbandes verwirklicht, sodann bei der Perlenbach- und Henne-Talsperre vorgesehen und bei der Riveris-Talsperre in Aussicht genommen. Der Sondervorschlag mit der bituminösen Außenhautdichtung auf der wasserseitigen Dammböschung lag dem am 16. Dezember 1954 erteilten Auftrag für das Sperrenbauwerk an eine Arbeitsgemeinschaft aus vier Baufirmen mit Niederlassungen in Köln zugrunde. Gleichzeitig wurden die Aufträge für die Baulose Untergrundabdichtung und Betonarbeiten am Sperrenbauwerk erteilt.
Ansicht des Absperrbauwerks von der Wasserseite mit Grundablassstollen und dem höheren Entnahmeturm im Bau, Herdmauer-Kontrollstollen am rechten Hang und Betonmischanlage
Vorbereitende Arbeiten
Im Januar 1955 begannen die Arbeiten am Sperrenbauwerk. Von April bis August 1955 wurden der Erdaushub für den Abtrag des Auelehms im Wahnbachtal, der Felsausbruch für die Gründung des Herdmauer-Kontrollstollens am wasserseitigen Dammfuß, die Hochwasserentlastung mit der Schussrinne sowie des Dammkörpers ausgeführt. Mit Hochdruck wurde der etwa 340 m lange Umleitungsstollen für den Wahnbach durch den linken Talhang getrieben. Am 8. Juli 1955 fand die Stollendurchbruchfeier statt.
Nach der anschließenden Betonauskleidung konnte der Wahnbach um die Dammbaustelle herumgeleitet und damit im Schutz eines zusätzlichen Dammes die Gefahr einer Überflutung gebannt werden. Gleichzeitig wurde die Räumung des künftigen Staubeckens vom Baumbestand zügig in Angriff genommen.
Entnahmeturm und Grundablassstollen in der Fertigstellung
Räumen der Talaue des Wahnbachtals
Rodungsarbeiten
Betonschalung für den Grundablaßstollen am Kreuzungsbauwerk mit der Herdmauer auf der Talsohle im heutigen Stausee
Das Dammbauwerk
Von September 1955 bis Juni 1956, also in einer Rekordzeit von nur rund zehn Monaten, wurden trotz erheblicher Probleme infolge schwieriger Untergrundverhältnisse, ungünstiger Witterungsbedingungen und sehr niedriger Wintertemperaturen neben den umfangreichen Aushub- und Betonarbeiten mehr als 1 Mio. m³ Steinschüttmaterial in dem etwa 1.400 m vom Sperrenbauwerk entfernten, innerhalb des künftigen Stauraumes am Hang des Münchebergs eingerichteten Steinbruch durch Sprengung gewonnen. Das gelöste Gesteinsmaterial wurde auf Großkippfahrzeugen vom Typ „Mak“ aus ehemaligen Beständen der US-Streitkräfte verladen, an die Dammbaustelle transportiert und unter intensiver Verdichtung durch Großrüttler eingebaut. Dabei wurden hohe tägliche Leistungen an Gesteinsschüttung von bis zu 8.600 m3 erzielt. Im Monat April 1956 wurde eine Spitzenleistung mit dem Einbau von bis zu 170.000 m³ gebrochenem Gesteinsmaterial in den Dammkörper erbracht. So konnte der Ausfall von insgesamt 21 Arbeitstagen während der Frostperiode im Februar 1956 mehr als aufgeholt werden.
Schüttarbeiten am Absperrbauwerk mit Dampfbaggern und Großraumkippfahrzeugen
Luftbild vom Wahnbachtal während der Bauarbeiten an der Talsperre
mit dem größten Wohnlager
Warnschild am Steinbruch Müncheberg
Bei der Schüttung des Dammbauwerkes waren an schweren Baugeräten bis zu
55 Großraumkippfahrzeuge mit je rund 20 t Nutzlast,
23 Dampfbagger,
9 Planierraupen,
8 Großbohrgeräte und
1 Großrüttelgerät
eingesetzt. In Spitzenzeiten wurden auf der Verbindungsstraße zwischen dem Steinbruch und der Dammbaustelle täglich bis zu 1.500 Transportfahrten von Gesteinsmaterial voll hin und leer zurück, also jeweils ein Fahrzeug/Minute in beiden Richtungen gezählt.
Dampfbagger beim Hangabtrag an der Wahnbachtalstraße im Einsatz
Die Belegschaft der Baustelle bestand im Durchschnitt aus 550 Mitarbeitern. In der Spitze waren bis zu 840 Mitarbeiter eingesetzt. Die Mannschaft bestand einmal aus dem erfahrenen Stammpersonal der Baufirmen. Da der zusätzliche Bedarf an ungelernten bzw. angelernten Arbeitskräften im hiesigen Raum nicht zu decken war, wurden im Zusammenwirken von Arbeitsverwaltung, der Gewerkschaft, der ausführenden Arbeitsgemeinschaft und dem Verband für einen Anteil von bis zu 65 % der Gesamtbelegschaft im Notstandsgebiet Schleswig-Holstein mit hoher Arbeitslosigkeit angeworbene Personen eingesetzt. Für die Beschäftigung von Mitarbeitern aus dem Notstandsgebiet wurden von der Arbeitsverwaltung finanzielle Zuschüsse geleistet und für den Bau zusätzliche Darlehen gewährt.
Da sich den aus Schleswig-Holstein zugewiesenen Personen in der Umgebung der Baustelle oft günstigere Beschäftigungsmöglichkeiten eröffneten, bestand auf der Baustelle eine hohe Fluktuation. So haben zum Beispiel von 400 Notstandsarbeitern nach einer Beschäftigungsdauer von maximal einem halben Jahr 41 ihre Tätigkeit regulär beendet. Durch Abwerbung und aus anderen Gründen haben weitere 111, das sind demnach 38 % der aus dem Notstandsgebiet Schleswig-Holstein stammenden Arbeitskräfte, ihre Tätigkeit auf der Baustelle abgebrochen. In einer im September 1955 getroffenen Betriebsvereinbarung wurde den für die Baustelle angeworbenen Kräften eine Zulage von 0,05 DM pro Stunde gewährt. Gleichfalls wurde den im Wohnlager an der Baustelle untergebrachten Notstandsarbeitern ein Verpflegungszuschuss von täglich 0,50 DM zugestanden. Trotz der zunächst erheblich höheren Forderungen der Mitarbeiter wurde ein Streik auf der Baustelle vermieden. Die gewährten Zulagen sind im Vergleich zu den geltenden Stundenlöhnen zu betrachten. Dem Angebot für die Errichtung des Dammbauwerkes der Wahnbachtalsperre lag ein Stundenlohn für den Bauhilfsarbeiter von 1,58 DM zugrunde, der sich während der laufenden Bauarbeiten bis auf 1,89 DM ab 1. April 1956 erhöht hat.
Blick von der Dammkrone beim Aufbringen der stauseeseitigen Asphaltbetondichtung mit dem Kreuzungsbauwerk von Herdmauerkontrollstollen und Grundablaßstollen auf der Talsohle
Am 19. Juni 1956 konnte der Verbandsvorsteher beim Richtfest für das Dammbauwerk unter anderem Herrn Regierungspräsidenten Dr. Warsch und in seiner Begleitung die Herren der Talsperrenaufsicht des Regierungspräsidiums Köln, den Hauptdezernenten, Oberbaudirektor Hans Kiel, den Amtsvorstand des Wasserwirtschaftsamtes Bonn und Talsperrenaufsichtsbeamten für die Talsperren im Regierungsbezirk Köln, Oberbaurat Nußbaum, sowie den Präsidenten des Landesarbeitsamtes und den Vorsitzenden des Ausschusses für wertschaffende Arbeitslosenfürsorge begrüßen.
Nach dem Bauzeitenplan war die Schüttung des Sperrenbauwerkes von August 1955 bis Oktober 1956, also innerhalb von 15 Monaten, vorgesehen. Diese umfangreichste Aufgabe beim Bau der Talsperre konnte aber fünf Monate früher bereits Anfang Mai abgeschlossen werden. Damit stand die volle Sommerperiode für das besonders von der Witterung abhängige Aufbringen der wasserseitigen Oberflächendichtung zur Verfügung. Die Einhaltung des ursprünglichen Zeitplans hätte zu einer Unterbrechung der Dichtungsarbeiten während des Winters 1956/57 geführt. So wurde in nur etwa fünf Monaten die Dichtung aus Asphaltbeton auf der wasserseitigen Böschung des Dammes in einer Fläche von rund 25.000 m² aufgebracht.
Noch im gleichen Jahr, nämlich kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 1956, und damit zehn Monate früher als geplant, kündigten gegen 12.25 Uhr 3 Böllerschüsse und 12 aus den Dienstpistolen von 2 Grenzschutzbeamten abgefeuerte Leuchtgeschosse, die sich zu den Landesfarben Grün-Weiß-Rot Nordrhein-Westfalens entfalteten, das Schließen der Absperrklappen im Grundablaßstollen des Dammbauwerkes und damit den Beginn des Einstaues der Wahnbachtalsperre an.
Blick in den künftigen Stausee mit wasserseitiger Dichtung des Dammkörpers, Entnahmeturm im Tal, Betonmischanlage, Bogenbrücke über das Derenbachtal im Zuge der Wahnbachtalstraße (siehe "Das Wahnbachtal vor dem Bau der Talsperre) und einem der Wohnlager am Hang des Derenbachtales